Unsere Zeitung


Neben dieser Homepage und unserem Blog behandeln wir die Themen, die unser Wirken leiten, 3 bis 4 mal im Jahr auch in unserer Zeitung. In dieser finden Sie neben interessanten Artikeln, in welchen wir zu aktuellen Geschehen Stellung nehmen, insbesondere auch ausführliche Informationen über unsere laufenden Aktivitäten.

Als Mitglied von AKTION MITMENSCH WIENER NEUSTADT erhalten Sie, sofern Sie nicht den elektronischen Newsletter vorziehen, ein Papierexemplar zugesandt. Wenn Sie neu erscheinende Zeitungen per E-Mail (im PDF-Format) zugesandt bekommen möchten, melden Sie sich einfach zu unserem Newsletter an. Papierexemplare unserer Zeitung liegen auch auf unseren Veranstaltungen auf.

Bereits erschienene Zeitungen finden sie im Archiv


Die Zeitung „AKTUELL 2018/3“ erscheint am 19. September 2018. Die Zeitung als PDF-Format (1,9 MB) finden Sie hier.

Hier die Beiträge


„MENSCHN SAMMA OLLE“

Passend zum Jubiläum von „Aktion Mitmensch“ liest und erzählt Herbert Eigner von Typen und Existenzen am Rand der Gesellschaft. Er tut das in Hochdeutsch und im Dialekt, mit Nachdenklichkeit und Humor. Das Farbspektrum der Texte reicht dabei von zuckerlrosa bis dunkelschwarz, die Gefühlspalette von ans Herz gehend bis bitterböse.

Herbert Eigner

Geboren 1980, aufgewachsen im Marchfeld, lebt seit einigen Jahren in Enzesfeld im Industrieviertel. Schriftsteller. Auch als Regisseur und Schauspieler in der freien Theaterszene tätig (u.a.: Theater Experiment, Freie Bühne Wieden, Sommerspiele Maria-Enzersdorf).

Veröffentlichungen (Auswahl): „himmelstränen-feuerland“ (2006), „Vergessen spielen“ (2009), „Die Zeit der großen Suche“ (2014), „a haxn und zwaa gsunde händ“ (2015).

Homepage: www.herberteigner.at


“Sich nicht fügen macht Sinn”

(Andre Heller, Multimediakünstler und Menschenrechtsaktivist )

Am Beginn der 1990er Jahre wurden im Gefolge der Jugoslawienkrise in Österreich mehr Flüchtlinge aufgenommen, als die ohnehin spärlichen staatlichen Kapazitäten verkraften konnten. Hier sprang die sogenannte Bürgergesellschaft ein und Flüchtlinge wurden in Notquartieren, wie Schulturnsälen, Pfarreien und vielen Privatquartieren aufgenommen. Viele leerstehende Räumlichkeiten in Gastronomie- und Hotelbetrieben wurden genutzt, um AsylwerberInnen vorübergehendes Quartier zu verschaffen. Diese Nothilfe lief, auch im Bewusstsein der breiten Bevölkerung ohne größere Probleme ab, bis die Neue Rechte in Europa und speziell in Österreich, unter der Haider-FPÖ, sich des brisanten Themas annahm.

Mit kräftiger Unterstützung von Boulevardmedien besonders der größeren kleinformatigen Tageszeitung, wurde ein flüchtlings- und migrationsfeindliches Klima geschaffen. Diese Verschiebung des gesellschaftlichen Konsenses wurde auch im Industrieviertel deutlich. Zahlreiche Flüchtlingsintegrationsprojekte (mit einigen gelungenen Ausnahmen wie Katzelsdorf) scheiterten am kurzen Atem der Politik und ihrer Angst vor einem weiteren Aufstieg der populistischen Rechten, dem Verlust der eigenen WählerInnen und vor allem am medialen Gegenwind.

In der Bundesrepublik Deutschland war es in einem aufgeheizten Klima zu einigen Brandanschlägen gegen Flüchtlingseinrichtungen gekommen. Dies dürfte in Österreich Nachahmungstäter motiviert haben, und so kam es im Spätsommer 1992 in Gutenstein zu einem Brandanschlag auf die Einwohner einer Flüchtlingseinrichtung. In den Flur eines Gasthauses, das Asylsuchende beherbergte, wurde ein in Brand gesetzter Kinderwagen geschoben. Es gab glücklicherweise keine Verletzten. Dieses Ereignis führte letztendlich zur Gründung der „Aktion Mitmensch Wiener Neustadt”.

Die Ziele der Aktion Mitmensch sind, gemeinsam gegen Fremdenhass, Rassismus, Intoleranz und Gewalttätigkeit aufzutreten und dabei für ein gewaltfreies Miteinander in der österreichischen Gesellschaft zu wirken. Wir wollen InländerInnen wie AusländerInnen in besonderen Notlagen helfen und das gegenseitige Verstehen durch Informationsarbeit fördern, ob in einem Personenkomitee, als Flugblattverteiler, mit Vortragsveranstaltungen, Unterschriftensammeln, Lesungen ( z. B. von Exilschriftstellern ), Dokumentationen zur Zeitgeschichte, mit Benefizkonzerten, Podiumsdiskussionen ( z. B. mit Zeitzeugen ), mit Appellen an Regierungsmitglieder und PolitikerInnen ( z. B.um einen Quotenplatz für ein Flüchtlingskind ), mit Rechtsberatung und persönlichem Eintreten für Grundrechte, mit Unterschriftenlisten und Aufrufen an Mitglieder und die Bevölkerung.

Die gesamte Arbeit aller Vereinsmitglieder war von Anfang an ehrenamtlich. Bei regelmäßigen monatlichen Treffen, werden die Vorbereitungen, die Arbeitsteilung und die neuen Herausforderungen durch politische oder behördliche Entwicklungen besprochen. Die Aktion Mitmensch macht ihre Arbeit durch eine vierteljährliche Zeitung, durch eine Homepage (www.mitmensch.at) sowie durch Leserbriefe, Pressekonferenzen, Buchartikel und Veranstaltungen transparent. Das Vereinsziel ist es, Entwicklungen zu verhindern, die uns Sorgen machen, wie z.B. die soziale Ausgrenzung und Entrechtung von sogenannten Randgruppen der Gesellschaft. Wenn wir es schon nicht verhindern können, so wollen wir doch Missstände wie Menschenrechtsverletzungen, kriminelles Verhalten gegen Minderheiten, Unmenschlichkeiten von Behörden im Umgang mit Schwächeren aufzeigen und den Geschädigten helfen, zu ihrem Recht zu gelangen.

Die AktivistInnen der Aktion Mitmensch Wiener Neustadt konzentrieren sich in ihrer Arbeit hauptsächlich auf drei Säulen:

Die Vermittlung von Hilfesuchenden an professionelle Hilfsorganisationen, Rechtsanwälte, Behörden und die Unterstützung bei Behördengängen.

Die materielle Linderung von akuten Notfällen durch Geldspenden, Nahrungsmittel, Kleidung und Vermittlung und Gewährung von Quartieren.

Aufklärungsarbeit der Bevölkerung durch mediale oder öffentliche Auftritte und Aktionen.

Das Szenario vom Beginn der 1990 er Jahre hat sich 2015 in viel größerem Rahmen wiederholt. Im Zuge des syrischen Bürgerkrieges kamen viele Kriegsflüchtlinge nach Europa und Österreich, in deren Gefolge auch Schutz Suchende aus Afghanistan und dem Irak und viele Menschen aus dem Norden Afrikas und den armen Ländern Zentralafrikas. Die staatlichen Institutionen waren überfordert und in einem beispiellosen „Sommer der Menschlichkeit” sprang die österreichische Zivilgesellschaft ihrem Staate helfend zur Seite. Dessen Dank war enden wollend. Anstelle den Bürgern die die Asylsuchenden bei sich in Privatquartieren aufnahmen, ihnen Sprachkurse finanzierten, sie teilweise aus der eigenen Tasche ernährten, ja statt diesen Menschen helfend beizuspringen wurde das Gegenteil gemacht. Die Helfenden wurden nach einer gewissen Schockstarre verunglimpft, die Asylgesetze wurden wieder einmal verschärft und die Wahlen brachten mit kräftiger medialer Boulevardunterstützung eine rechtspopulistische Regierung an die Macht, deren Protagonisten sich als die Scharfmacher Europas zu profilieren versuchen. Es gib also nicht viel zu feiern aber:

Die Aktion Mitmensch Wiener Neustadt wurde diesen Sommer 25 Jahre jung und wir brauchen Ihre Unterstützung umso dringender als je. Deshalb erlauben wir uns Sie, liebe Mitmenschen, zu unserem Geburtstagsfest herzlich einzuladen.

Kommen Sie, feiern und reden Sie mit uns.

Ihr Maximilian Huber


Rumänische Tagelöhner in Österreich anno 1996:

Als illegale Arbeitskräfte sehr geschätzt – dennoch in einem Auwald lebend
Aktion Mitmensch half

 Die Fakten

Bild1-tagloehnerklein
Im Wald da sind die ….. Tagelöhner

In Frühsommer 1996 erreichte Aktion Mitmensch die Nachricht: Rumänische Saison- bzw. Gelegenheitsarbeiter leben in einem Auwald, einer von ihnen braucht ärztliche Hilfe. Ein Lokalaugenschein (gemeinsam mit zwei meiner schon reiferen HTL-Schüler, einer davon Rumänisch sprechend) ergab ein Bild wie von einer anderen Welt: Zumindest 40 rumänische Staatsbürger – vom 18-jährigen Burschen bis zum gestandenen 50er – lebten unter abenteuerlichen, eigentlich schockierenden Bedingungen in der Schwechat-Au zwischen Tribuswinkel und Traiskirchen. Der Schwechatfluss als Lebensader: waschen, allenfalls baden, Wäsche waschen, nassrasieren, sogar Zähne putzen. Man schläft auf einer Plastikfolie, zugedeckt mit einer zweiten. Nur wenige haben eine Decke. Besonders Geschickte haben aus Zweigen und Folien eine Art Zelt gebaut. Oder haben eine Folie mit der Unterseite eines dicht belaubten Astes zu einem Regendach verbunden. Starkem Regen oder gar Unwettern hielt dies alles nicht stand. Nachts etwa wartete man in solchen Fällen durchnässt den Morgen herbei. Ab Juli eine neue Herausforderung: Die Abwehr von Millionen von Gelsen. In der Nachtkälte des Herbstes schliefen manche zu zweit oder dritt, dicht an dicht unter gemeinsamer Folie. Morgens stets frühzeitig auf den Beinen: Der Weg zu den Feldern, Weinrieden, Baustellen, Häuslbauern u. a. war oft weit. Nur ganz wenige wurden von ihren „Arbeitgebern“ abgeholt, allerdings nicht mehr zurückgebracht. Ein Teil der rumänischen Arbeiter hat bis Winterbeginn ausgeharrt, zwei davon bis einige Tage vor Weihnachten – immer noch unter dünner Plastikfolie in der (damals schon verschneiten) Au „wohnend“.

 

Elementare Hilfe seitens Aktion Mitmensch

Bild2-truegerischklein
Trügerisches, abenteuerliches Szenario (mit dem Autor in Bildmitte)

Um auch nach Regengüssen und Gewittern, bei feuchtem oder schlammigem Auboden trockenen Fußes sein zu können, haben wir alle „Waldbewohner“ mit Gummistiefeln ausgerüstet. Ebenso mit ca. 10 Schlafsäcken – zur wechselseitigen Benützung (zu mehr reichte unser Geld nicht – in Anbetracht anderer Unterstützungsmaßnahmen). Wie sich herausstellte: Die Schlafsäcke wurden nie benützt. Solch wertvolle Dinge wurden in Rumänien zu Geld gemacht – Geld für Familien und Angehörige.

Sammeleinkäufe: Anhand von Bestelllisten haben wir bei Supermärkten Großeinkäufe getätigt – mit dem Geld der Besteller. Meist begleitet von einem Besteller, der darauf achtete, dass ja das Billigste gekauft wurde.

Im Spätherbst und Winter haben wir mehrmals warmes Essen (Gulaschsuppe, Bohnensuppe, Gemüse-Fleisch-Eintopf) in die Au geliefert und serviert.

 

Medizinische Versorgung – oft mit Hindernissen

Eines Morgens ein Anruf von der Tribuswinkler Tankstelle am Rande der Au: Ein Rumäne hätte eine schwere Fußverletzung. Mit einem Arbeitskollegen dort angekommen, zeigte sich: eine Schnittwunde an der Ferse, nur notdürftig verbunden. Ein Arbeitsunfall auf einem Bauernhof, am späten Abend davor. Der „Arbeitgeber“ war großzügig: Er hat den Verletzen per PKW heimgebracht – soll heißen in den Auwald. Am Klinikum Baden die Diagnose: Ein tiefer Schnitt von unten bis zum Fersenbein, stark verschmutzt. Dann Wundsäuberung, Desinfektion, stützender Verband, Eintragung dieser Details in den Aufnahme- bzw. Behandlungsbogen. In puncto „Nachuntersuchung, Nachbehandlung“ kam es zur resoluten Entscheidung des behandelnden Oberarztes: „In der Heimat“ (also in Rumänien). Die unerlässliche Nachbehandlung wurde schließlich von einem Wiener Neustädter Arzt durchgeführt – gratis.

Ein weiterer Fall: Fuß und Unterschenkel eines Rumänen stark angeschwollen, rot und teilweise blau unterlaufen. Nach telefonischem Kontakt mit einem – Aktion Mitmensch bekannten – Primarius: dringende Behandlung unerlässlich. Auf dessen Veranlassung wurde der Patient mittels Rettungswagen des Roten Kreuzes in das Klinikum Wiener Neustadt gebracht, dort behandelt und versorgt (Diagnose: Insektenbiss, mangels Hygiene nachfolgende Entzündung). Die anschließende Nachbehandlung: mehrmalige Verabreichung von Injektionen durch Aktion Mitmensch in der Schwechat-Au. Der gute Mann hatte sogar etwas Glück im Unglück: Nach seiner Genesung wurde er vom Chauffeur des Rettungswagens für zwei Wochen engagiert: bei dessen Hausbau, inklusive Übernachtungsmöglichkeit.

Ein junger Rumäne wurde von uns wegen starker Schmerzen im Unterleib in das Klinikum Wiener Neustadt gebracht. Der Befund: schwere Harnwegsinfektion (Harnleiter, Blase, auf Niere ausstrahlend). Notwendige Therapie: eine Woche lang täglich mehrmals heilende Sitzbäder. Meine Familie hat ihn daher für eine Woche aufgenommen. So wie auch einen anderen Rumänen (für 3 Tage), bei dem wegen einer Augenverletzung (Dornenstich) mehrere Nachbehandlungen notwendig waren.

Insgesamt kam es zu acht oder neun Einsätzen von Aktion Mitmensch im Zusammenhang mit ärztlicher bzw. klinischer Behandlung der rumänischen Arbeiter.

Doppelbödigkeit von Politik und Behörden

Bild3-lagebesprechungklein
Lagebesprechung mit AKTION MITMENSCH

Ich habe gemeinsam mit dem damaligen Geschäftsführer von SOS Mitmensch beim damaligen Vorsitzenden der Gewerkschaft HGPD (und späteren Arbeiterkammer-Präsidenten) Rudolf Kaske vorgesprochen: Gäbe es Möglichkeiten für die illegal Beschäftigten, unter dem Titel „landwirtschaftliche Saisonarbeitskräfte“ legal – damit auch versichert – zu arbeiten? Die klare Antwort: Nein. Für solche Tätigkeiten gäbe es zwar behördlich fixierte Kontingente, diese seien aber voll ausgeschöpft. Und würden keinesfalls erhöht. Ein fast gleichlautendes Ergebnis resultierte aus meiner Vorsprache beim Obmann der Bezirksbauernkammer Baden – dem die rumänische „Tagelöhner-Kolonie“ in allen Details bekannt war. Was beiden, Kaske und Bauernobmann, sicher bewusst war: Viele Landwirte drängten gar nicht auf legale Saisonarbeiter. Illegale Beschäftigung war nicht nur billiger, sondern auch bequemer: von Haus aus geringerer Lohn, keine Sozialversicherungs-Abgaben, keine bezahlten Krankenstände, Arbeit auf Abruf (mit jederzeitigem Abbruch), allenfalls auch weniger „Umstände“ bei Verletzungen oder Unfällen.

Abschließend möchte ich das hohe Engagement der Aktion-Mitmensch-Aktivistin Inge Panzenböck hervorheben. Und mich bei vier wunderbaren Arbeitskollegen nochmals bedanken (bei einem posthum), ferner bei der Gattin eines fünften. In Zeiten wie diesen scheint es mir eher nicht angebracht, sie namentlich vor den Vorhang zu holen.

Jan Müller


0001


Impressum

Eigentümer & Herausgeber: AKTION MITMENSCH WIENER NEUSTADT
Anschrift: c/o Maximilian Huber, Reyergasse 7/10, 2700 Wiener Neustadt
Redaktion: Maximilian Huber, Anna Seif, Jan Müller, Kathi Brenner
Druck: REPA.neo, Grazer Straße 89, 2700 Wiener Neustadt


Zurück